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Dienstag, 28. Juni 2011

Der Spiegel - Filmkritik

Road-Movie "Nichts als Gespenster"

Man nennt es Hirngespinst

Von Jenny Hoch
In Martin Gypkens Episodenfilm "Nichts als Gespenster" reisen Dreißigjährige in ferne Länder und sind doch nur auf der Suche nach sich selbst. Sonst passiert fast nichts - zum Glück, denn selten wurde das Lebensgefühl einer Generation unaufdringlicher eingefangen.
Es ist die Geschichte mit dem Schaf, die diesen Film auf den Punkt bringt. Magnus erzählt sie seinem Besuch aus Deutschland in einer klirrend kalten Nacht in einem tief verschneiten Sommerhaus auf Island. Er erzählt, wie er als Jugendlicher zusammen mit seinem Onkel und seinem Freund ein Schaf zum Decken brachte, wie sie Schnaps tranken, während das Tier von einem Bock bestiegen wurde, und wie sie danach durch die sternenklare Nacht zurückfuhren. Er sagt: "Es war sehr schön in diesem Jeep mit dem Schaf auf der Landstraße, ganz allein auf der Welt, mehr war nicht."
Wie, mehr war nicht? Die Geschichte ist zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat. Pech, wer auf eine lustige Pointe oder gar einen abgedrehten Plot gewartet hat. Also lieber noch eine Zigarette anzünden und gucken, wie das Leben weitergeht. Das machen auch die Protagonisten in Martin Gypkens Roadmovie "Nichts als Gespenster", der Verfilmung von fünf Kurzgeschichten der Bestsellerautorin Judith Hermann, nicht anders.
Fünf Schauplätze, fünf unterschiedliche Konstellationen von Menschen um die dreißig, die aus unterschiedlichen Gründen um die Welt fahren. Fünf Mal Ankommen, fünf Mal Abreisen. Das sind die groben dramaturgischen Maschen, aus denen Gypkens sein leichtes, unaufdringliches Generationenporträt gestrickt hat. Alle Episoden beginnen völlig unvermittelt und hören ebenso plötzlich wieder auf.
Mit schnellen Schnitten aneinandermontiert und hochkarätig mit der Crème des deutschen Thirtysomething-Schauspielnachwuchses besetzt, ergeben diese Geschichten aber keine erwartbar schicksalsschwere Story mit einer klar definierten Message. Sie bilden eher ein zartes Gespinst, das sich wie eine diffuse Aura über die alltäglichen Lebens- und Liebesfragen junger Erwachsener legt.
Schweigen bis der Redneck kommt
Da ist das ungleiche Paar Ellen (Maria Simon) und Felix (August Diehl) das die USA im Auto von Ost nach West durchquert und sich dabei beharrlich anschweigt. Solange, bis eine wunderliche Gespensterjägerin und ein bodenständiger Redneck in der Wüste Nevadas ihren Blick auf das Wesentliche lenken. Oder die beiden besten Freunde Irene (Ins Weisse) und Jonas (Wotan Wilke Möhring), die zu Irenes Jugendfreund Magnus (Valur Freyr Einarsson) und seiner Frau Jonina (Sólveig Arnarsdóttir) nach Island fahren, weil sie beide Liebeskummer haben und dort ihre Leidenschaft füreinander entdecken.

Es wird erzählt von den Freundinnen Nora (Jessica Schwarz) und Christine (Brigitte Hobmeier), die Noras Exfreund Kaspar (Janel Rieke) auf Jamaika besuchen und dort aus Langeweile einen Hurrikan herbeisehnen, und von der Berlinerin Ruth (Chiara Schoras), die ihrer besten Freundin Caro (Karina Plachetka), die Schauspielerin an einem Provinztheater ist, heimlich ihren Schwarm Raoul (Stipe Erceg) ausspannt. Außerdem irrt in der einzigen Episode, die etwas aus dem Paarbeziehungs-Rahmen fällt, die einsame Marion (Fritzi Haberlandt) auf der Suche nach ihren urlaubenden Eltern durch das überfüllte Venedig und sehnt sich nach Anerkennung von ihren egozentrischen Altvorderen.

Es kommt weder zu Dramen, noch zu extremen Entwicklungen. Selbst die exotischen Reiseziele - und dazu gehört für Großstädter eben auch die ostdeutsche Provinz - dienen lediglich als Kulissen. Sie sind so etwas wie Fotolandschaften, die die Protagonisten betreten, ohne jedoch ihre Befindlichkeiten abzulegen. Es geht ihnen nicht darum, ein fremdes Land kennen zu lernen, sondern höchstens darum, den fremden Kontinent, den sie für sich selbst darstellen, ein Stückchen mehr zu entdecken.
Lebens-Dilemma der Generation Golf
Wie Abziehbilder ihrer selbst setzt die Kamerafrau Eeva Fleig Grand-Canyon-Panoramen, kochende Geysire, karibische Sandstrände oder die konventionelle Inszenierungs-Ästhetik eines deutschen Stadttheaters in Szene. Tausend Mal gesehen, tausend Mal zitiert. In ihrer Reiseprospekt-Gelacktheit spiegeln sie das Lebens-Dilemma der Generation Golf wider: Es gibt nichts Neues mehr zu entdecken, alles wurde bereits gefunden, gesagt, getan. Und dennoch gehört es zum Erwachsenwerden dazu, all diese Dinge noch einmal zu durchleben und dieselben Fragen noch einmal zu stellen.

Es könnte sein, dass all diese Frauen und Männer vor allem die Sehnsucht nach der Sehnsucht antreibt. Der Wunsch, den melancholischen Schwebezustand, in dem sich ihr Leben befindet, noch etwas länger hinzuziehen. "Ich will, dass er kommt", sagt Brigitte Hobmeier als Christine auf Jamaika, und es ist nicht sofort klar, ob sie den drohenden Wirbelsturm meint oder den muskelbepackten Einheimischen, der sie schon seit Tagen mit Blicken verfolgt.

Aus dem durchgängig hervorragend besetzten Ensemble der Unentschlossenen sticht sie besonders hervor: Brigitte Hobmeier legt ihre Figur nicht sympathisch verspult wie die meisten ihrer Kollegen an, sondern als biestigen Vamp mit Madonnengesicht. Wo die anderen zwar überzeugend, aber letzendlich harmlos spätpubertäre Nöte darstellen, deutet sie mit Blicken aus halbgeschlossenen Lidern und sparsamen Gesten virtuos dunkle Abgründe an.
Dennoch: Nachts am Strand spielt sie mit ihrer Freundin Nora das Spiel "Sich-so-ein-Leben-vorstellen": Was wäre, wenn sie tatsächlich auf Jamaika wohnen würde, mit einem Einheimischen verheiratet wäre, ein Kind hätte? Doch halt, das ist ja alles nichts, nichts als Gerede. Gedanken-Gespenster. Hirn-Gespinste.

http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,519996,00.html

Montag, 27. Juni 2011

Filmkritiken

Martin Gypkens erzählt in seinem Film "Nichts als Gespenster" fünf Geschichten von Judith Hermann: "Ruth (Freundinnen)", "Acqua Alta", "Kaltblau", "Hurrikan (Something farewell)" und "Nichts als Gespenster". "Hurrikan" stammt aus dem Band "Sommerhaus, später" (1998), die anderen Erzählungen finden wir in der unter dem Titel "Nichts als Gespenster" (2003) veröffentlichten Zusammenstellung.

Handlungsorte sind eine deutsche Kleinstadt, Venedig, Island, Jamaika und Nevada. Obwohl die Handlungsstränge der fünf Geschichten sich nicht berühren, entwickelt Martin Gypkens sie häppchenweise parallel. Schnitttechnisch ist das gut gelungen. Der Film "Nichts als Gespenster" beginnt mit fünf Ankünften und endet mit fünf Abreisen. Bei den Hauptfiguren handelt es sich um Männer und Frauen um die dreißig. Obwohl sie Freunde haben, fühlen sie sich einsam, ihre Beziehungen sind fragil, und sie haben sich wenig zu sagen. Ihr im Grunde sorgloses Leben langweilt sie, und sie vermissen den Sinn; sie warten gewissermaßen auf Godot. Dem Ennui, der saturierten Leere versuchen sie durch Reisen zu entkommen, aber sie lernen keine fremden Länder kennen, sondern erfahren etwas über sich selbst, ohne dass etwas Besonderes geschieht.

Gemeinsam ist den fünf Geschichten die melancholische Grundstimmung, das Lebensgefühl einer Generation.

Judith Hermann hat über die Langeweile der schönen jungen Menschen, die nie arbeiten, nie die Welt retten, nie Verantwortung übernehmen oder Kinder erziehen müssen, zwei Erzählungsbände geschrieben, in denen die Langeweile sehr schön zum Ausdruck kommt. Sie findet für den Ennui der Boheme malerische Kulissen, die dem melancholischen und vagen Lebensgefühl entsprechen. Und weil es den Menschen in diesen Erzählungen an so ziemlich allem, nur märchenhafterweise nie an Geld fehlt, übersetzen sie ihre Rastlosigkeit und ihren Weltschmerz in die Sprache des gehobenen internationalen Jetsets. Sie reisen nach Paris und nach Venedig, nach Norwegen und nach Island, sie durchqueren im Mietwagen Amerika und räkeln sich in Jamaika auf den Rohrsesseln eines gepflegten Anwesens.
Das alles ist ein bisschen traurig und unverbindlich, aber auch irgendwie aufregend, eine Übergangszeit in jeder Hinsicht. Die Kindheit ist vorbei, richtig erwachsen ist man aber noch nicht, man wartet und weiß nicht, worauf. Etwas Neues muss kommen, aber statt mit dem Kopf durch die Wand zu stoßen, zündet man sich eine Zigarette an. Zündet man sich ziemlich viele Zigaretten an. Draußen tobt die Welt, fallen Mauern, sterben Imperien. Hier ist es still, hier ist immerzu blue mood und Fin de Siècle, eine gefällige Leere, die nie aus der Form fällt und den ästhetischen Comment verlässt. (Iris Radisch, Die Zeit, 29. November 2007)

Unterwegs sein: "Nichts als Gespenster" verhandelt kein Beziehungs-Klimbim, sondern porträtiert Dreißigjährige, die in einer Schleife aus Sehnsucht und Resignation gefangen sind, zwischen Hoffnung auf Erlösung durch Liebe und einer "Angst vor wirklicher Hingabe". Man hat gelernt, über "Beziehungen" und "Befindlichkeiten" zu plaudern, aber die in der Tiefe erschütternden Gefühle kann man weder aussprechen noch leben. Ein Dilemma, das Martin Gypkens über weiteste Strecken souverän sichtbar macht. Er erschafft kraftvolle, schöne, präzis gezeichnete Figuren, wie sie ein deutscher Gegenwartsfilm schon lange nicht mehr zu bieten hatte. (Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 29. November 2007)


Die Besetzung von "Nichts als Gespenster" ist hervorragend.

Gedreht wurde von März bis Juli 2006 in Leipzig, Brandenburg und Hamburg, Venedig, Island, auf Jamaica sowie in Utah, Arizona und Nevada.
http://www.dieterwunderlich.de/Gypkens_gespenster.htm#kritik